An meinem fünfzigsten Geburtstag fühlten sich
viele gedrängt oder genötigt, sich für mich oder sogar sich
zu mir zu bekennen; an meinem sechzigsten fühlten viele von
diesen sich von solch lästigem Zwang befreit, während andere
unter dem Zwang nordischer Gesichtspunkte zur gleichen, wenn
auch unerwünschten Freiheit gelangten; an meinem siebzigsten –
äusserstens so weit wage ich vorauszuerwägen – wird der Kreis
derer, die meinen ersten Geburtstag nicht bedauern, vielleicht
noch kleiner sein; aber hoffentlich werden dann nur Freiwilli-
ge an mich herantreten und von diesen nur solche, welche in
meinen Vorläufigkeiten Erfüllung erkennen.
Ich weiss seit langem, dass ich Verbreitung des
Verständnisses für mein Werk nicht erleben kann und meine
vielgerühmte Standhaftigkeit ist eine Zwanglage und stützt
sich auf den Wunsch, es dennoch zu erleben. Ich habe mein
Ziel weit genug gesteckt, um sicher zu sein, dass Widerstre-
bende und selbst Entgegenstrebende einmal dorthin gelangen
müssen. Treffen sich doch sogar Parallele – wie die Mathematik
versichert – an derlei Punkten, wenn man nur die Geduld lange
genug zu warten.
Man erwartet vielleicht, dass ich, nunmehr in ein-
er Neuen Welt, durch die Bequemlichkeiten, die sie mir bietet
reichlich entschädigt bin, für den Verlust, auf den ich mich
länger als ein Jahrzehnt vorbereitet habe. Wohl habe ich die
Trennung von der alten Welt vollzogen, nicht ohne sie bis in
die Knochen gespürt zu haben, denn ich war doch nicht darauf
vorbereitet, dass sie mich sowohl heimatlos, als auch sprach-
los machen werde, so dass ich es anderen, als meinen alten
Freunden jetzt nur mehr auf englisch sagen könnte; falls sie
es erfahren wollten. Aber andrerseits lebt man hier wahrhaf-
tig besser als der Herrgott in Frankreich, den dort die Arbeits-
bewilligung gewiss noch schwerer erteilt würde, als hier. Denn
ich bin hier allgemein geschätzt, als einer der wichtigsten
modernen Komponisten; neben Stravinsky, Tansman, Sessions, Sibeli-
us
, Gershwin, Coopland etc...etc....etc. Ich darf also sicher da-
mit rechnen, dass zu meinem siebzigsten Geburtstag es nicht
anders zugehn werde, als ich es oben vorausgesagt habe.

Trotzdem bin ich sehr darauf aus, ihn zu erleben.
Denn, wenn nebst meinem privaten Glück, nur wirklich noch diese
Freunde bleiben, die mir so viele Freude machen und derer jeder
Einzelne mich stolz macht durch die Kraft, den Mut, die Intelli-
genz, die Originalität und das Wissen, womit er es ausdrücken
kann, warum er mich gelten lässt: dann kann ich mich bereits jetzt
beglückwünschen.
Dass ich stolz sein darf, solche Freunde zu haben,
bestimmt das Mass meines Dankes. Aber seine Herzlichkeit könnte
ich doch nur durch Musik ausdrücken.
An meinem fünfzigsten Geburtstag fühlten sich viele gedrängt oder genötigt, sich für mich oder sogar sich zu mir zu bekennen; an meinem sechzigsten fühlten viele von diesen sich von solch lästigem Zwang befreit, während andere unter dem Zwang nordischer Gesichtspunkte zur gleichen, wenn auch unerwünschten Freiheit gelangten; an meinem siebzigsten – äusserstens so weit wage ich vorauszuerwägen – wird der Kreis derer, die meinen ersten Geburtstag nicht bedauern, vielleicht noch kleiner sein; aber hoffentlich werden dann nur Freiwillige an mich herantreten und von diesen nur solche, welche in meinen Vorläufigkeiten Erfüllung erkennen.
Ich weiss seit langem, dass ich Verbreitung des Verständnisses für mein Werk nicht erleben kann und meine vielgerühmte Standhaftigkeit ist eine Zwanglage und stützt sich auf den Wunsch, es dennoch zu erleben. Ich habe mein Ziel weit genug gesteckt, um sicher zu sein, dass Widerstrebende und selbst Entgegenstrebende einmal dorthin gelangen müssen. Treffen sich doch sogar Parallele – wie die Mathematik versichert – an derlei Punkten, wenn man nur die Geduld lange genug zu warten.
Man erwartet vielleicht, dass ich, nunmehr in einer Neuen Welt, durch die Bequemlichkeiten, die sie mir bietet reichlich entschädigt bin, für den Verlust, auf den ich mich länger als ein Jahrzehnt vorbereitet habe. Wohl habe ich die Trennung von der alten Welt vollzogen, nicht ohne sie bis in die Knochen gespürt zu haben, denn ich war doch nicht darauf vorbereitet, dass sie mich sowohl heimatlos, als auch sprachlos machen werde, so dass ich es anderen, als meinen alten Freunden jetzt nur mehr auf englisch sagen könnte; falls sie es erfahren wollten. Aber andrerseits lebt man hier wahrhaftig besser als der Herrgott in Frankreich, den dort die Arbeitsbewilligung gewiss noch schwerer erteilt würde, als hier. Denn ich bin hier allgemein geschätzt, als einer der wichtigsten modernen Komponisten; neben Stravinsky, Tansman, Sessions, Sibelius, Gershwin, Coopland etc...etc....etc. Ich darf also sicher damit rechnen, dass zu meinem siebzigsten Geburtstag es nicht anders zugehn werde, als ich es oben vorausgesagt habe.
Trotzdem bin ich sehr darauf aus, ihn zu erleben. Denn, wenn nebst meinem privaten Glück, nur wirklich noch diese Freunde bleiben, die mir so viele Freude machen und derer jeder Einzelne mich stolz macht durch die Kraft, den Mut, die Intelligenz, die Originalität und das Wissen, womit er es ausdrücken kann, warum er mich gelten lässt: dann kann ich mich bereits jetzt beglückwünschen.
Dass ich stolz sein darf, solche Freunde zu haben, bestimmt das Mass meines Dankes. Aber seine Herzlichkeit könnte ich doch nur durch Musik ausdrücken.

November 1934

27. Dezember 1934

Sächsisches Staatsarchiv (Leipzig)
Leipzig
21070 C. F. Peters


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an C. F. Peters, November 1934, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit C. F. Peters. Hrsg. von Florian Giering. Version 1.0 vom 02.04.2025. URL: https://schoenberg-peters.at/cfp/letters/letter.24498.